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Wildberg: TIERE: Das Mövchen-Manöver

23/11/2011 Davy Deckers Categorie: Deutschland

Mit Hartwig Rogge und Taube 733 haben die Wildberger Kleintierzüchter zwei Europameister in petto


Bevor der Preisrichter kommt, gibt’s die letzte Ölung. Die Füße sollen glänzen und knallig rot leuchten. Das gilt in Tauben-Kreisen als schick, als geradezu unwiderstehlich. Bevor sich Hartwig Rogge aber an die Pediküre macht, muss er seine vielversprechendsten Vögel einshampoonieren, waschen und das Gefieder mit lauwarmem Wasser gut ausspülen. Dann geht’s 24 Stunden unter die Rotlichtlampe. Den letzten Schliff besorgt die Nagelfeile. Auch der Schnabel soll in Bestform sein.

Das Tauben-Tuning ist selbstverständlich nur das i-Tüpfelchen. Hartwig Rogge (48) ist ein erfahrener, gewiefter Züchter. Einer mit gutem Auge und gutem Händchen und vielleicht auch mit dem nötigen Quäntchen Glück. Die Wildberger Kleintierzüchter können stolz sein, dass sich der Neuruppiner einst für ihren Verein entschieden hat. Denn seit Neustem wissen sie zwei Europameister in ihren Reihen: Der eine Champion ist Hartwig Rogge, der andere der Täuberich mit der Ringnummer 733. Gekürt wurden sie bei der 1. Europäischen Schau der Züchter kurzschnäbliger Mövchen. Rogge gilt nun als europaweit bester Züchter dieser Rassetaube. Zudem ist bei ihm das schönste einfarbige Mövchen des Kontinents aus dem Ei geschlüpft. Hartwig Rogge und Nummer 733 haben sich gegen Züchter aus neun Ländern und gegen mehr als 800 Tiere durchgesetzt. „Das ist Adrenalin pur“, sagt Rogge. Ein echtes Mövchen-Manöver.

Hartwig Rogge ist auf einem Bauernhof in Bechlin aufgewachsen. Die Eltern halten Rinder und für den Hausgebrauch Gänse, Enten und Hühner. Tauben gibt’s allenfalls auf dem Scheunendach – bis Hartwig Rogge als Teenager eines schönen Tages nach Kränzlin rüberradelt und mit zwei Strasser-Pärchen zurückkehrt. In den Grundstock seiner Zucht investiert er das gesparte Taschengeld. 40 Mark. Eine Menge für den Schuljungen. Die Tauben gedeihen und mehren sich. „Mit den Erfolgen wachsen das Ego und die Leidenschaft“, sagt Rogge. So hat alles angefangen.

Doch dann kommt dem Züchter das Hobby abhanden. Armee und Ausbildung, Hochzeit und Hausbau: Rogge lässt die Tauben für einige Jahre Tauben sein. Als das Haus an der Bechliner Chaussee in Neuruppin endlich ein Heim ist und die drei Kinder aus dem Gröbsten raus sind, nimmt er die Zucht wieder auf. Aber er wechselt die Rasse. Strasser und andere schwere Fleischtauben kommen ihm nun nicht mehr in die Voliere. Er setzt auf kleinere, elegante Tauben. 1994 beginnt er, pechschwarze Deutsche Modeneser zu ziehen. Zur selben Zeit begibt er sich auf die Suche nach einem Verein. Erst, nachdem er sich den Wildberger Züchtern angeschlossen hat, stehen ihm die Wettbewerbe auf Kreis-, Landes- und Bundesebene offen. „Und man will sich ja zeigen.“ 1996 erlangt Rogge den ersten großen Sieg. In Dortmund stellt er bei der Deutschen Rassetaubenschau in seiner Klasse das einzige Tier mit der Bestnote „Vorzüglich“ aus. Seither heimst er Titel und Pokale nur so ein.

Natürlich hätte Hartwig Rogge immer so weitermachen können. Aber er will mehr. Er lässt sich zum Preisrichter ausbilden. Um sein Auge zu schulen und um den Aufwand und den Anspruch verschiedener Rassen besser einschätzen zu können, probiert er sich immer mal wieder aus. So kommt er zum Beispiel an Englische Long-faced Tümmler und an einen weiteren Deutschen-Meister-Titel. Und so kommt er auch ans einfarbige Mövchen (African Owl), mit dem er nun Europameister geworden ist.

Namen? So einen Firlefanz veranstaltet Hartwig Rogge erst gar nicht. Hat die Taube erst einmal einen Namen, beginnt auch schon das Verhätscheln, meint er. „Und das hilft weder dem Tier noch mir.“ Bei besonderen Tauben merkt er sich aber die Ringnummer. 733 zum Beispiel. Und 542 – das war das V-Tier, mit dem er einst in Dortmund triumphiert hat.

Irgendwie hing er an dieser ersten Taube de luxe. Sie wurde auch nicht der Küche zugeführt, wie es in Züchterkreisen diplomatisch heißt, wenn das Schlachtmesser gewetzt wird. In diesem Sommer ist Nummer 542 mit 16 Jahren verschieden – Altersschwäche. Normalerweise ist für die Schlaggenossen spätestens nach sechs Jahren Sense – dann, wenn sie als Schönheitsideal oder Zuchttier in Ruhestand gehen. Ein gebratenes Täubchen, das ist für viele Leute ein Leckerbissen. „Die werden das ganze Jahr über gern genommen“, sagt Rogge. In seiner Familie gebe es aber nur selten Taube – der Kinder wegen. „Sie mögen Taube nicht besonders.“

Mit dem doppelten Europameistertitel könnte sich Hartwig Rogge für dieses Jahr eigentlich zurücklehnen und die anderen machen lassen. Er lacht bei dem Gedanken. Schließlich hat er seine preisgekrönten Mövchen schon für die Deutsche Rassetaubenschau im Dezember in Leipzig gemeldet. „Nur, weil eine Taube prämiert wurde, heißt das aber nicht automatisch, dass sie immer Erfolg hat“, sagt Rogge. „Tiere verändern sich, so wie wir uns auch. Und wie bei uns Menschen ist vieles von der Tagesform abhängig.“ Der Züchter grinst verschwörerisch. „733 wird aber sicher oben mitspielen.“ (Von Nadine Fabian)

Quelle: Märkische Allgemeine

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